Nur noch 53 Tage bis zur nächsten Bahn

Hamburg verdiente, noch vor Wolfsburg, den Namen Autostadt. Überall brummt und zischt und wummert es, zwischen Neugraben im Süden und Poppelbüttel im Norden stinkt es nach Abgasen, die ganze Stadt wird beherrscht vom Parkplatz-Terror, selbst durch die engen Gässchen der Innenstadt rauschen die Kinderzermatschmaschinen. In Hamburg sind die meisten Autos pro 1000 Einwohner gemeldet, in der Stadt fahren die durchschnittlich PS-stärksten Wagen, die dann statistisch pro 1000 Einwohner mehr Menschen totfahren als die Totfahrmaschiinen in anderen Bundesländern. Der beste Freund des Energie und Menschenleben veschwendenden Just-for-fun-Gebrummsels ist der HVV, das Unternehmen, das gelegentliche oder ständige Nichtautofahrer von einem Ort A zu einem Ort B zu befördern verspricht und dabei verschweigt, dass diese Beförderung dem Fahrgast allerlei Weh zufügt. Anders als die Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs großer Städte wie München, Köln, Bremen und Frankfurt möchte der HVV seine Fahrgäste derart traktieren, dass sie sich wünschen, sie wären mit dem Auto gefahren oder hätten sich einst der Tortur einer Führerscheinprüfung unterzogen. Denn der HVV, der 1965 gegründete Hamburger Verkehrsverbund, unterhält im 755 Quadratkilometer und rund 1,74 Millionen Einwohner großen Hamburg schlappe drei zentrale U-Bahn-Linien und weitere drei zentrale S-Bahn-Linien. Zum Vergleich: Im halb so großen Köln mit knapp einer Millionen Einwohnern verkehren Züge auf zwei bis drei Mal mehr Linien, zum Teil auf Straßenbahnlinien, die in Hamburg zwischen Mitte der 50er Jahre und dem September 1978 schrittweise abgebaut wurden.

Stattdessen wurden die Straßen zusätzliche verstopfende Busse eingesetzt, wofür der damalige Verkehrsminister, gemäß unbestätigter Gerüchte, einen hübschen Batzen Urlaubsgeld vom Bus-Hersteller aufgenötigt bekommen haben soll. Schön für ihn, schlecht für die Busreisenden, denn die schaukelnden Diesel-Schleudern werden gewohnheitlich von Fahrradfahrer hassenden Gaspedal-Liberos gefahren, entweder im Linienverkehr oder im Ersatzverkehr. Dieser Begriff bezeichnet das typisch Hamburgische Phänomen des ständigen Verkehrs von Bussen auf mindestens einer der sechs Hauptschienenlinien, zweitweilig auf bis zu drei Linien gleichzeitig. Ständig wird irgendwo eine Brücke geflickt, werden Schienen gerade gebogen, wird ein Tunnel neu tapeziert. Dann verkehren auf diesem Teilstück keine Bahnen, sondern nämliche Busse. Kommt ein Passant keuchend die Treppe zur S-Bahn hinauf gestürmt, um in eine wartende Bahn zu springen, sollte er zuvor einen Blick auf die elektronische Anzeigetafel am Bahnsteig werfen, denn dort könnte der Satz stehen: Ersatzverkehr zwischen Schlump und Rathausmarkt. Das heißt, theoretisch wird dieser Satz eingeblendet, zwischen März und Juni 2006 etwa stand dort: Nur noch 53 Tage bis zum Fußball-Weltmeisterschaft. Wir fahren Sie hin. Was in Städten wie München oder Frankfurt selbstverständlich ist, dass Fußballfans mit öffentlichen Verkehrsmitteln transportiert werden, muss den Hamburgern erst gesagt werden, denn sie sind Service im ÖPNV nicht gewohnt. Fällt eine Bahn aus, gibt es keine Durchsage. Durchsagen gibt es nur, wenn ich um Mitternacht mit dem Rad an der entlegenen Haltestelle Alte Wöhr aussteige und den Bahnsteig hinabradele, weil es nur einen Abstieg am anderen Ende gibt. Kein Mensch ist zu sehen, der Bahnsteig ist menschenleer, ich bin das einzige Biest unterm nachtschwarzen Himmel. Durch den Lautsprecher dröhnt: Sofort vom Fahrrad steigen! Das ist hier kein Radweg! Da schnauzt der verhinderte Blockwart, dem es nicht darum geht, Menschen vor Fahrradrowdys zu schützen, sondern darum, Autorität zu simulieren, sich also als Menschen-Typ Wolfgang Clement zu präsentieren. Das beherrschen die Hamburger Fahrkartenkontrolleure aus dem Eff-Eff, besonders die eingeborenen Hamburger Kontrolleure. Nachlässig in Zivil gekleidet, nach Zigaretten stinkend, stürmen sie als Halbdutzend einen Waggon und schreien: Fahrkartenkontrolle! Sie sagen nicht: Hier ist mein Dienstausweis, darf ich bitte Ihren Fahrschein sehen?, sie schnauzen und püngeln ahnungslose Touristen, die so dumm waren,  Kurzstrecken-Fahrscheine für eine Zwei-Haltestellen-Fahrt zu kaufen, dabei jedoch eine Zonengrenze überquerten. Statt freundlich auf den Fehler hinzuweisen und alle zwölf Augen zuzudrücken, ranzen die Kontrolleure: Das macht 20 Euro!

In zivilisierten Städten gibt es Stadtbahnen; Hamburger Initiativen, die die Einführung solch angenehmer und Autodreck eindämmender Verkehrsmittel wünschen, werden von Politikern aller Parteien verlacht. Seit dem Betriebsstopp der Straßenbahnen gibt es keinen direkten Zugang zum Hamburger Flughafen, wer dorthin fahren möchte, nimmt ein Taxi oder lässt sich stundenlang in schlecht belüfteten Bussen durch die Stadt schaukeln. In der Innenstadt gibt es immerhin eine ausreichende Ausstattung mit U- und S-Bahn-Haltestellen, doch die sehen aus, wie ich mir Haltestellen in Nordkorea, im Tschad oder in Jakutien vorstelle. Die U2-Haltestelle am Hauptbahnhof stinkt nach Urin und Zigarettenqualm, es ist finster und schmutzig. Wer hierher kommt, hat alle Hoffnung auf eine würdige Nahverkehrs-Reise fahren lassen. Die U2-Bahn fährt von hier aus nur eine Station weit, dann muss der Passagier rasch aussteigen, andernfalls landet er im Stadtteil Billstedt, einer Art Gewerbegebiet der Vorhölle. Davon wird er nicht in Kenntnis gesetzt, denn auf der Anzeigentafel steht: Nur noch 52 Tage bis zum Fußball-Weltmeisterschaft. In Hamburg ist der Fahrgast der Feind der Verkehrsbetriebe, vermutlich kaufte in den 70er Jahren das Omnibus produzierende Unternehmen nicht allein die Lizenz zur dauerhaften Dreckschleuder-Belieferung der Hansestadt, sondern es wurde im Geheimen der ganze ÖPNV eingesackt. Denn wer die HVV-Bahnen benutzt, der wird sich nichts sehnlicher wünschen, als mit dem Auto durch die großzügig asphaltierte Stadt zu brettern, fernab irreführender Anzeigen, dauerhafter Betriebsunterbrechungen, verdreckter Waggons, autoritärer Kontrolleure und der beharrlichen S-Bahn-Kakophoniker, die mit Gitarrre und Geldbecher die Bahnen stürmen und jegliches Gespräch, jegliche Lektüre, allen Musik-Genuss via Kopfhörer zu Nichte machen: im Auftrag der Auto-Industrie, versteht sich.

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