Swimming in the gene pool
(Hamburg, Peter Kusenberg) Sport ist eine
dämliche Verrichtung, Menschen, die mit sich nichts
anzufangen wissen, laufen sinnlos in der Gegend herum, trimtrabulieren
für Tagesgehälter in englisch benamsten Sporthallen
auf Foltergeräten, hören dabei scheussliche Musik
und trinken Säfte, mit denen afghanische Häftlinge
in US-amerikanischen Gefängnissen traktiert werden,
damit die verbohrten Kopfwindelträger die Macht der
imperialen Großmacht spüren. Sport ist für
Amis, Sport ist für Leute, die gerne anderen Leuten
beim Ballrumschießen zugucken, die sich freuen, wenn
irgendwo auf der Welt Menschen mit Gewehren und größeren
Geschossen auf andere Menschen schießen, denn: Sport
ist Vorbereitung zum Krieg.
Diese Gemeinplätze schicke ich dem Bekenntnis voran,
dass ich gerne schwimmen gehe. Abends, wenn Hasen und Füchse
miteinander in die Kiste gekrochen sind, tapere ich durchs
stets regenfeuchte Uhlenhorst, zur Alsterschwimmhalle hin.
Die Alsterschwimmhalle ist ein neumodisches Schwimmbad,
in dem die Wertmünzen für die abschließbaren
Garderobenschränke Coins heißen, die Folterabteilung
Fitness Floor, die aufladbare Dauerkarte Multi-Card. Diese
Vielkarte wurde vermutlich von den gleichen Menschen erfunden,
die uns großartigen Unfug wie die Nachtspeicherheizung,
das Kiwischälmesser, den sauteuren Telefonnachrichten-Dienst
der Financial Times Deutschland bescherten. Sie funktioniert
so: Ich gehe zur Kasse, lege die Karte vor und sage: "Einmal
schwimmen." Die Karte wird über ein digitales
Dings gehalten, irgendein Betrag wird abgebucht, ich bekomme
ein schwarzes Plastikplättchen von der Größe
eines Zwo-Euro-Münzchens. Das Plättchen brauche
ich zum Rauskommen, die Karte brauche ich nicht, immerhin
gewährt sie mir 10% Ermäßigung des okayen
Eintrittspreises. (Have you ever been to Timmendorfer Strand?
Take a sack of money with you!)
In den Umkleidekabinen stehen liebesbedürftige Männer
mit Leberflecken auf der bleichen Haut herum, die Genitalien
verborgen von Handtüchern, die elegant um die jeweiligen
Hüften geschlungen sind. Sie fragen etwa, ob ich keine
Badelatschen habe, Badelatschen seien hier empfehlenswert.
Recht haben sie, die schwulen Jämmerlinge. Die schwulen
Tafflinge tragen keine Handtücher, sie zeigen ihre
Genitalien gerne, wuscheln unter der Dusche daran herum,
als gelte es, den Schmutz von einer ganzen Woche zu entfernen.
Vermutlich entfernen sie den Schmutz einer ganzen Woche.
Im Bad geht es lustig zu, Menschen schwimmen hin und her,
es gibt drei Bereich, die durch Plastikschlagen von einander
getrennt sind: Rücken, Tempo und Normal. Ich wähl
Normal, ich möchte sehen, wohin ich schwimme, ich möchte
gemächlich schwimmen, das Schnellschwimmen ist mir
ein Gräuel. Männer mit Brillen schwimmen schnell
an mir vorbei, Frauen schauen finster drein, es scheint,
als sei das Schwimmen eine Qual für sie! Über
den Lautspecher tönt eine nölige Stimme: "Die
Dame mit der Spindnummer 894 soll sich bitte bei ihrem Spind
melden." Warum? Ich sah Überwachungskameras in
den Umkleiden, wenn der Spind aufgebrochen wurde, wird das
wohl ein Bademeister gesehen haben. Oder schauen die nur
auf nackte Hintern? Ich gleite ins Wasser, das Waser ist
warm. Brustschwimmend strebe ich dem Ufer zu, fünfzig
Meter lang ist eine Bahn, ich mache gleichmäßige
Schwimmstöße, atme regelmäßig. Im
Becken schwimme ich wie ich als Autofahrer auf der Autobahn
führe, besäße ich einen Führerschein,
besäße ich einen Wagen: Ich lasse mich von schnelleren
Zeitgenossen zur Seite drängen, ich lasse mich dazu
hinreißen, da Wort "Zeitgenosse" zu verwenden,
für Menschen, die mit einer strammen Plastikbadehaube
und einer Chlorbrille auf dem Kopf durch das Becken stürmen,
als gelte es, entgegenkommende Badegäste zu rammen,
zu döppen, zu düpieren. Besonders hartnäckig
sind die Schmetterlinge: Sie lassen die Arme wie die Schaufelräder
eines Mississippi-Dampfers nach vorne schwingen, sie schaufeln
literweise Chlorwaser, sie schnaufen - und achten nicht
die Menschen, die ihnen engegenkommen. Quod ego non viso
ego destruxi: Aussa Bahn, do Dämlack!
Das Verhalten der potenziellen Linksblinker strafe ich
mit Rückzug. Vermutlich sind sie froh, dass ich das
Becken verlassen, sie werden denken: "Die lahme Kröte
schleicht sich, wie fein! Jetzt können wir ungestört
durchs Wasser pflügen." Vielleicht denken sie
gar nichts, Schnellschwimmer konzentrieren sich darauf,
schnell zu schwimmen, Gedanken stören dabei. Der Sport
ist der Gegner des Gedankens. Alle Energie wird dazu verwendet,
den Körper zu einer unsinnigen Höchstleistung
zu stimulieren, statt einen gescheiten Gedanken zu denken
oder einen Kasten Sprudel aus dem Keller zu holen. Ich gehe
hinaus, ins Außenbecken. Dort ist die Luft kalt, es
nieselt, Nebel schwebt über dem Becken, eng legt sich
der finstere Nachthimmel über das Schwimmhallengelände.
Ich bin allein, schwimme im Kreis, setze mich vor eine der
Massagedüsen. Mit 800 Atü trifft ein Wasserstrahl
auf meinen Nacken. Ob 800 Atü übertrieben oder
lächerlich wenig ist, weiß ich nicht, Atü
klingt eh nicht wie eine gescheite Maßeinheit, Atü
klingt wie der Spitzname eines Neffen des berühmten
Reformtürken Kemal Atatürk, der die Feze nicht
dulden mochte in seinem Land. Der Fez ist ein lustiger Hut,
Herr Atatürk hätte besser dafür gesorgt,
dass sich die Türken die doofen Schnäuzer abrasieren
und die Goldkettchen zum Zubinden von Gelben Säcken
verwenden, statt dieses pfiffige Hütchen zu bannen.
Ich lasse mich durchwalken vom Wasserstrahl, bis sich die
Haut anfühlt wie aus Knetgummi. Aaaaah! Zum Glück
fehlt ein trockener Martini und eine Endlosschleife mit
den besten Stücken der 60er-Jahre-Popband The Zombies
über die Schwimmbadlautsprecher. Eine Stimme knarzt:
Die Schwimmbadnutzerin mit der Spindnummer 812 möge
sich sofort bei ihrem Spind einfinden." Ich steige
hinaus, dusche, ziehe mich an. Ein leberfleckiger schwuler
Hüfthandtuchpräsentator sagt mit verschmitztem
Lächeln, die Dame werde sich wohl nicht freuen, wenn
sie so zu ihrem Spind gerufen werde. Ich frage: Warum? Es
könne sich um eine schlecht schließende Tür
handeln. Er sagt: "Jaja, stimmt." Auf seinem Handtuch
ist ein Veilchen abgebildet. Ich schlüpfe in meine
Boxerhöschen und entfleuche dem subtropischen Gefilde:
Gestählt nach der sportlichen Exerzise.

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