Wolkenkritzekratzer

(Hamburg, Peter Kusenberg) Zeichentrickserien reizen zum Lachen, wenn sie typisches Verhalten typischer Menschen in übertriebener Weise zeigen, etwa bei den Simpsons: Aus Angst, Bart könne schwul werden, verzweifelt Homer darüber, dass sein zehnjähriger Sohn, verkleidet als Schlagersängerin Cher, zu "I've got you, baby" tanzt. Er möchte ihn zu einem richtigen, also heterosexuellen, Mann erziehen, drückt ihm eine Knarre in die Hand und fordert ihn auf, ein Reh zu töten. Gerne sähe ich die Simpsons auf das Mediengeratter reagieren, das einsetzte, nachdem Terroristen die Türme des Welthandelszentrums zurecht stutzten und einen Flügel des amerikanischen Verteidigungsministeriums zertrümmerten. Kanzler Schröder sollte eine Gastrolle bekommen, er sagte: "Das war ein Faustschlag in das friedvolle Gesicht der westlichen Zivilisation", nachdem ein Turbanträger mit der Hand eine Fliege erschlug und dies von Hunderten Fernsehkameras aus allen Winkeln aufgenommen worden ist.

Jeder, der in der Öffentlichkeit herumquaddert, musste seinen Sermon zum Wolkenkratzerdebakel hinzuseimen, der sich in dem Satz zusammenfassen lässt: "Ich bin tief erschüttert über den feigen Anschlag und fühle mit dem Amerikanischen Volk, ich hoffe, dass Präsident Bush besonnen auf dieses Attentat gegen uns alle reagiert." Uschi Glas sagte, sie könne keine Worte finden für das, was geschah, fand dann aber dort zwo- bis dreihundert Wörter, die den eben genannten Satz auswalzten bis zur Fernsehmonitorscheibenfülligkeit. Kurios, dass Leute, die nicht einmal wissen, dass New York nicht nur eine Musicalkulisse ist, Teelichter entzünden und, statt sie in ein Stövchen zu stellen und ihren Rotbuschtee damit zu wärmen, Lichterketten für die Medienspacken inszenieren.

Kluge Leute mögen sagen: "Die kriegen sich schon wieder ein, bald wird's langweilig." Recht hatten sie, es wurde schon nach einer Woche langweilig, doch ein kriegten sich die Journalisten nicht, sie brabbelten sich weiterhin um den ohnehin nicht reichhaltig vorhandenen Verstand, analysierten ihre eigene Berichterstattung, überprüften Prognosen - und vergaßen alle die Ereignisse, über die sie berichtet hätten, wären nicht die Terroristen zur Rettung von Auflagen- und Zuschauerzahlen herbeigeflogen gekommen. 100.000 Tote in Bangla Desh bei einer Überschwemmung? - Pah, passiert ständig, außerdem springen die nicht 400 Meter tief in den Tod und lassen sich nicht als Symbol für irgendwas, Demokratie, Freiheit, Pisspottgesinnung, missbrauchen.

Der schlimmste Gesinnungshetzer aller zahlreich vorhandenen Gesinnungshetzer war der leerhirnige Breitmaulsexist F. J. W., der in der Welt am Sonntag erklärt, er wäre gerne ein Feuerwehrmann, denn die Feuerwehrmänner kriegen die geilsten Weiber und gehen "als Symbol der Hoffung in das Feuer". Andere Leute gehen als Leute irgendwohin, die Feuerwehrleute sind ungreifbare Halbwesen, kein Wunder, dass man gerne an ihrer Stelle stände und hektoliterweise Wasser durch die Gegend spritzte. "Die Arbeit der Feuerwehrleute ist eine demütige Tapferkeit", sagt W.. Anderer Menschen Arbeit ist ein Stück Brot oder ein Schlauch, die w.schen Feuerwehrleute machen in demütige Tapferkeit, sie sind Patrioten, und was zeichnet diese Menschen aus? Genau: "Patriotismus ist das Paradigma des bewussten Beitritts des freien Menschen zu einer beschworenen Loyalität". Quaddabber Quaddabber Quaddabber. So reden Menschen, die nur die Wörter Patriot und Paradigma unters narkotisierte Volk streuen wollen, solche Menschen wollen ihren Lesern die eigene Dummheit aufpfropfen, um sie dann noch leichter bequaddern zu können. Schade, dass W. nicht Feuerwehrmann geworden ist. Vermutlich gibt es Feuerwehr-Aufnahmeprüfungen, bei denen die Fertigkeit, einen gescheiten Satz zu schreiben, geprüft wird. Da hätte W. keine Chance gehabt.

Harald Schmidt und der Playboy-Witz in Täglich Kress fielen nach dem Angriff auf das Zentrum des internationalen Konsumismus aus, Witze durften nämlich nicht gemacht werden, nachdem das amerikanische Verteidigungsministerium, in dem bekanntlich Demokratie, Frieden und Freiheit wohnen, lädiert wurde. Wollte man über die aus den Wolkenkratzer stürzenden Kapitalisten scherzen, so musste man dies in geheimer Runde machen, hinter vorgehaltener Hand und am besten doch lieber nicht, denn die Mitleidsheischer bergen unter ihren Lichterkettenmänteln Knüppel, mit denen sie dem frechen Witzemacher die Witzemacherei austreiben. Das gleiche galt, als vor elf Jahren Ostzonensuppenwürfel den Schutzwall zerdepperten, um sich als Heil-Deutschland!-quakende Masse in den Westteil des zweitunsympathischsten Landes Europas zu ergießen: Witze über nationalhymnensingende Dumpfdödel wurden nicht geduldet, wer Honecker als honetten Senior bezeichnete, wurde mit Faustschlägen und Verräter!-Geschrei traktiert. Freilich war Honecker nicht honett, die Welthandelszentrums-Besucher waren nicht alle menschenknechtende Kapitalisten; es ist verlockend, das Faktische zu verstärken und ins Groteske zu verschmiemeln, damit dem rechthaberischen Dumm-Getöse ein Wider entstehe. Wenn alle Deutschländerwürstchen "Tötet Bin Laden!" schreien, dann wird der Kerl nicht so schlimm sein und verdient, dass man ihm das Wort redet, so unangenehm dies sein mag. Allerdings brüllen die Deutschländerwürstchen nicht "Tötet Bin Laden!", sie rufen: "Ich bin menschlich tief betroffen von den feigen Terroranschlägen." Sie wollen nicht, dass ihresgleichen in eine fäkalienfarbene Uniform gesteckt und nach Afghanistan verfrachtet wird, um dort gegen Turbantrottel zu kämpfen. Dabei wäre dies eine feine Sache, zivilisiertem Publikum Platz in inländischen Zwischenstadt-Zügen zu schaffen. Kämpft der Söldner in Kabul/ist der Zug dann nicht so vull. Vielleicht wird WamS-Kolumnist F. W. W. als Berichterstatter an die Front geschickt, er könnte vor Ort prima Patriotengeschnatter fabrizieren und vom Heldenmut der deutschen Bundesfeuerwehr faseln. Die deutschen Zeitungen hätten Material, um mehrere Sommerlöcher zu überbrücken, sie könnten die Deutschland-Trikolore, das Fähnchen in den Farben Kot, Blut und Strull, auf ihre Cover pappen und so ganz locker ihre Nation feiern, die Nation der Gelichter und Schwallenker.