Tüllen für Tunten
(Hamburg, Peter Kusenberg) "Hah, schwulenfeindlich
isser!" werden einige Leserinnen und Leser sagen, denken
oder singen, sehen Sie die Überschrift zum dieswöchentlichen
Textchen. "Doofmann aka Dooffrau!" werde ich erwidern,
das Wort Tunte ist ein prima Wort, es bezeichnet einen effeminierten,
homosexuellen Mann, der auf klischeehafte Weise weibliches
Getue übertreibt. Wie soll ich solches "Gelichter"
(Helmut Karasek) sonst bezeichnen? Hm, jetzt hab ich Helmut
Karasek, die tuntige Literatenschwuchtel beleidgt, vermutlich
wird er mich verklagen oder bei mir daheim in Barmbek vorbeischauen,
um mich vollzuschwitzen. Aus rechtlichen Gründen schiebe
ich jetzt ein: Helmut Karasek ist keine Schwuchtel, er schwitzt
nicht in der Öffentlichkeit, er ist ein dufter Literaturkritiker,
der bei zweideutigen Themen hübsch verschmitzt dreinschauen
kann.
Herr Karasek hat sich vielleicht noch nie Gedanken darüber
gemacht, dass die Qualität der Saft- oder Milchverpackungstüllen
nachlässt. Früher schnitt oder riss man einen
Zipfel vom Tetrapak, goss Milch oder Apfelsinensaft aus
und trank von der wohl gekühlten Flüssigkeit.
Apfelsinensaft wird von gedankenlosen Wesen als Orangensaft
oder, noch schlimmer, O-Saft bezeichnet. Diese Menschlein
tun so, als gäbe es nicht prima deutsche Wörter
und man müsse sich bei mäßig glamourösen
englischen Wörtchen bedienen. Diese Menschlein nennen
Pampelmusensaft Grapefruitsaft. Pampelmuse ist ein lustiges
Wort, Grapefruit ein offensichtlich doofes, fremdes, Kackwort.
Grape heißt Traube, warum steht auf Pampelmusensaftverpackungen,
übersetzt, Traubensaft? So ein Unfug! Pampelmusen sind
apfelsinenähnliche, saure, gelbe Früchte, deren
Saft, mit Wodka versetzt, besser schmeckt als ein Mojito
mit frischer Minze. Der anglophile Unfug geht noch weiter,
manche Deppen nennen Zitronensaft Limonensaft, weil Limonensaft
irgendwie internationaler klingt. "Irgendwie international
am Arsch!" sagt die Pampelmusentunte, und kickt ass.
Limonen, also Zitronen, unterscheiden sich von Limetten
dadurch, dass sie gelb und saurer schmecken. Limetten sind
lasch, sie eignen sich als Zutaten für lahme Cocktails,
die coolen Cocktails werden mit Pampelmusen- und Zitronensaft
zubereitet.
Seit einigen Jahren verkaufen die Saft-Hersteller Verpackungen,
deren Tüllen nicht durch Reißen oder Schneiden
hergestellt werden müssen; die neuen Tüllen sind
gar keine, es sind gedeckelte Ausgüsse. Eine Kunststoffluke
muss geöffnet, ein Kunststoffventil hineingedrückt
werden, dann lässt sich der Saft mit viel Geklecker
aus dem neumodischen Behältnis gießen. Es ist
ziemlich ekligt, dass die Ventile in den Saft oder die Milch
hineingedrückt werden müssen. Vermutlich sind
sie schmutzig, syphilitische Supermarktangestellte oder
gelbsüchtige Schulschwänzer fummelten daran herum,
bevor ich den Saft nach Hause trug, um ihn mit einem Schuss
Wodka auf meinem Nordbalkon zu genießen. Mir wird
schlecht, der Magen muss augepumpt werden - alles wegen
der neumodischen Verschlüsse, die gegenüber den
alten keine Vorteile, doch viele Nachteile haben. Warum
denken sich die Verpackungsleute immer neue Verpackungen
aus, warum begnügen sie sich nicht mit den bestehenden,
bewährten Verpackungen? "Die neumodischen Verpackungen
lassen sich wiederverschließen, wer etwa ein Picknick
macht, wird sich über die neuen Verschlüsse freuen."
Das sagt der Verpackungspropagandist, ich muss zähneknirschend
zugeben, dass eine wiederverschließbare Verpackung
ein Vorteil ist. Aber nur, wenn man nicht gar so durstig
ist. Durstige Menschen trinken die ganze Verpackung leer,
die nehmen nicht den 1,5 Liter fassenden Behälter mit
nach Hause, um fünf Zentiliter zu bewahren; die trinken
die fünf Zentiliter sofort, auf der Picknickdecke,
und machen noch einen Tetrapack auf, um sich, den Picknickgenossen,
Ameisen und Saftherstellern eine Freude zu bereiten. Pampelmusensaft,
100% Fruchtanteil, bereitet die größte Freude.
Billige Plörre mit Zucker, die O-Saft heißt,
sollte den Herstellern nächtens ins Bett gegossen werden.
Kommt morgens die Mutter ins Zimmer - Fruchtsafthersteller
leben bei der Mutter, bis sie 45 Jahre alt sind -, so ruft
sie: Stefan, dein Bett ist nass, wie kannst du mir das antun!
So findest du nie eine Frau. Jaja, wenn du mich nicht hättest!"
Perfide Fruchtsaftterroristen schütten zusätzlich
ein wenig Milch in das Bett des Fruchtsaft- und Milchherstellers,
die Mutter wird die getrocknete weiße Flüssigkeit
für Körperflüssigkeit halten und gar nichts
mehr sagen, weil sie so geschockt ist, dass ihr Mund ganz
trocken geworden ist. In der Küche wird sie den Kühlschrank
öffnen und einen Tetrapack Pampelmusensaft herausholen.
Sie wird ihn öffnen wollen, doch ein Patentverschluss
verhindert es, dass sie die Verpackung rasch und ohne Kleckser
öffnet. Traurig wird sie am Küchentisch sitzen,
den Durst ungestillt, die Verdorbenheit des Sohnes reflektierend.
Eine weitere Missetat tat die Kunststoff verarbeitenden
Industrie, indem sie ergonomische Zahnbürsten an die
Supermärkte vertickte. Diese geriffelten, gewellten,
gebogenen Bürsten eignen sich vielleicht für den
Einsatz im Mund eines rechtshändischen Akrobaten, meinen
Mund ließen sie bluten. Der beschränkte Sangeskünstler
Mike Krüger erfreute das deutsche Fernsehpublikum Ende
der 70er Jahre mit dem Liedchen, dessen Refrain lautete
Du musst doch nur den Nippel durch die Laschen ziehen".
In dem Lied mockiert sich Krüger über die Tücken,
die das moderne Leben für ihn bereit hält, denen
er, damals noch jungmännisch, nicht gewachsen war.
Heute trägt der Nippel einen englischen Namen, er heißt
ergonimically correct fag attack.
P.S.: Seit Mitte 2002 lassen sich die Tetrapak-Verschlüsse
gescheit öffnen und schließen. Ein Hoch der Verpackungsindustrie!

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