Tief durchatmen

(Hamburg, Peter Kusenberg) Viele Leute fürchten sich davor, während einer Kreuzfahrt zu kentern und im beinahe eiskalten Wasser eines Ozeans von der Größe der gesamten eurasischen Landmasse zu ertrinken - was immerhin glamouröser erscheint, als in der Wahntalsperre oder dem Regnitz-Zufluss Pegnitz von einem Wadenkrampf gepackt zu werden und im vielleicht nur zwei Meter tiefen, mit Entengrütze bedeckten Nass zu versinken. Solche Todesszenarien schockieren mich nicht, ich habe Angst davor, zu ersticken. Ein gerissener Dogmatiker würde mich zur Konversion bewegen, überzeugte er mich davon, dass die Verdammten der Hölle bis zum jüngsten Gericht in einer Nazi-Gaskammer zubringen müssten. Ich verabscheue Räume mit geschlossenen Fenstern, grusele mich vor Souterrain-Diskotheken und U-Bahnhöfen ohne Antiraucher-Schutzstaffel. Als Gräuel erschienen mir fremdenlegionärskompatible Herren in Bahnhöfen - wie den meisten menschenfreundlichen Menschlein; seitdem sie als Raucherdiskriminierer arbeiten, begrüße ich heimlich die die Knüppel schwingenden, Schnauzbart tragenden Barrettträger und hoffe, dass sie die Härte ihrer Knüppel an achtlos Zigarrette rauchenden Nichtsdenkern prüfen. Leider gibts Antiraucher-Schutzstaffeln nur in Bahnhöfen, in den Zügen müssen Nichtraucher mitunter folgende Gift-Stoffe inhalieren:

Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Carbonsylsulfid, Benzol, Toluol, Formaldehyd, Acrolein, Aceton, Pyridin, 3-Methylpyridin, 3-Vinylpyridin, Blausäure, Hydrazin, Ammonium, Methylamin, Dimethylamin, Stickoxide, N-Nitrosodimethylamin, N-Nitrosopyrrolidin, Ameisensäure, Essigsäure.

Ein grantiger Raucher, ich nenne ihn Jean-Paul, grantelt mir ins Ohr: "Mon dieu, geh halt in einen der Nichtraucherwaggons und lass uns munter paffen in den Gaskammerwaggons, du läppische Trine! Ich fühle mich diskriminiert durch Buchhaltermentalitäten wie dich, merde alors!" Ich weine nicht, ich erwidere trockenen Auges: "In den Gaskammerwaggons stinkt es derart, dass dort der Aufenthalt selbst für Harry Rowohlt und Bruce Willis zur Qual wird. Also schwanken sie - der Zug fährt gerade über die kurvenreiche Strecke von Koblenz nach Bonn - in die Nichtraucherwaggons und rauchen dort auf dem Gang. Der Rauch zieht nicht zum Fenster hinaus, denn das öffnen sie nicht, da Raucher Frischluftmemmen sind und sich zentimeterdicke Wollpullover anziehen, sobald ein laues Windchen durch die Lande haucht. Der Rauch zieht durch die Belüftungsschächte in die Abteile, in die Kleidung, Nasen und Lungen der Nichtraucher. Empfindliche Nichtraucher wie ich müssen husten, ihnen wird übel, sie sehnen sich nach einem Sixpack Aspirin und der Einführung der Todesstrafe für Kettenraucher in der Europäischen Union." Jean-Paul bläst mir den Qualm seiner Zigarette ins Gesicht und grinst. Ich huste und fange an zu weinen, ich intolerante Nichtrauchertrine. Dann sage ich mit bebender Stimme: "Es wird der Tag kommen, da werdet ihr diejenigen sein, die husten und weinen. Siegt der Raucher mit Hilfe seines Glaubensbekenntnisses über die Nichtraucher dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen." Dieser Satz wird Jean-Paul pathetisch vorkommen, die Quelle weiß wird er glücklicherweise nicht kennen, er würde er mich sonst einen Faschisten heißen. Der Autor jenes - von mir entstellten - Zitats pflegte eine Weile exzessiv zu rauchen, bis er zum fanatischen Nichtraucher wurde und gegen Kriegsende das Rauchen in Münchner Straßenbahnen verbot. Dieses Verbot gilt noch heute.

Jean-Paul wäre sich gewiss nicht der Tatsache bewusst, dass die Faschisten, also deutsche Nazis, spanische Frankisten und italienische Fascisti, leidenschaftlich zu rauchen pflegten. Die meisten Zigaretten wurden in Deutschland in den 30er und frühen 40er Jahren geraucht. Im PC-Spiel Commandos gibt es kaum einen Wehrmachtssoldaten, dem keine Zigarette in der Schnüss steckt. Die alliierten Elite-Commandos verwenden Zigaretten nur, um deutsche Wachsoldaten anzulocken und zu überrumpeln. Kill'em all, those dirty German Raucherhunds! Auf die gelungene Kehlendurchschneidung dann eine Gitanes!

Meine Abneigung gegen das Rauchen speist sich nicht nur aus der Unwohlseinquelle (Bad Fieling im Schwarzwald), sie speist sich aus der Vorstellung, ein Raucher sei das Wunsch-Produkt einer gigantische Gewinne produzierenden Zigarettenindustrie, cleverer Werbe-Agenturen und der Lust, an einem Stängelchen zu saugen. Die Rauschwirkung ist gleich Null, selbst Nichtraucher, die im Vollsuff ein Zigarettchen rauchen, werden davon keine innerweltlichen Reisen durchs nikotinierte Bewusstsein bewegen, ihnen wird schlecht, sie übergeben sich hinter dem Bierzelt und werden eine Kotzpfütze hinterlassen, in die hoffentlich ein besonders exzessiver Raucher auf dem Heimweg hineintreten wird. Die einzigen Vorteile des Rauchens sind: Es fördert die Verdauung, es mindert den Appetit, Frauen sehen mit Zigarette irgendwie cool aus, Männer verwegen. Die Nachteile sind zu zahlreich, um sie hier aufzuzählen: Von Impotenz, Raucherlunge, gelben Zähnen zu sprechen ist geschmacklos, ich rede lieber davon, wie sehr Raucher STINKEN. Sie stinken derart, dass sich Nichtraucher nicht in ihre Nähe wagen, ohne die Luft anzuhalten. Ein Kettenraucher stinkt etwa so sehr, wie ein drei Wochen lang ungeduschter Waschbär, der sich in einer hannoveranischen Kloake herumtrieb. Es könnte auch eine Kloake in Stuttgart gewesen sein, doch ist die ostfälische Kloake wahrscheinlicher, immerhin wird im Norden etwa 1,4 Mal mehr geraucht als im Süden, was einleuchtend erscheint, sieht man sich die Junkys am Hamburger Hauptbahnhof an, wie sie gierig an ihren Glimmstängeln saugen. In München nippen die Junkys an Piccolo-Gläschen und kauen Kaugummi. Jean-Paul wird grummeln: "Bayerische Memmen!", er wird eine Marlboro ohne Filter entflammen. Ich halte die Luft an und stelle mir vor, wie ich auf einem Vergnügungsdampfer langsam in den Fluten des Pazifiks versinken werde, die Zigaretten der anderen Passagiere verlöschen mit einem Zischen, ich schlucke kühles Meerwasser, ich rieche den Duft der Algen.