Jeffrey Lee Piercing
(Hamburg, Peter Kusenberg) In Bussen, auf
Domplätzen, vor Supermärkten, an Käsetheken
stehen oder gehen Menschen mit metallenen Ringen, Knöpfen,
Nadeln, Nägeln, Spangen, Steckern, Broschen in Lid,
Lippe, Wange, Ohrläppchen, Nasenflügel, Kinn.
Einige mögen Metallzeux an intimen Teilen ihres Körpers
tragen, man sieht es nicht an nämlichen Orten, man
sieht es vielleicht nachmittags in Redesendungen privater
Rundfunkanstalten. Seit etwa zehn Jahren stoßen sich
Menschen Metallstäbe durch die Haut, einige sterben
daran, anderen suppt der Eiter tagelang aus der schwärenden
Wunde, der Schmuck wird von Eiter überdeckt, so dass
er nicht recht zur Geltung kommt.
Wenn ich so etwas sage, wird die Empörung groß
sein: "Dieses Thema ist so alt wie Macauly Culkin,
der möglicherweise gepiercte Schauspieler aus Amerika."
Andere sagen: "Piercing ist doof, okay, aber ist doch
wurscht." Damit haben die Empörler Recht: Neu
ist das Thema nicht, es ist bereits alles dazu gesagt worden
- nur nicht von mir. Ich sage es freilich nicht so, wie
es jemand im Jahre 1994 gesagt haben mag, als der gepiercte
Popkünstler Tricky sein großartigen Album mit
dem großartig quatschnasigen Titel Maxinquaie herausbrachte.
Ich sage es als jemand, der im Fernsehen Flugzeuge in Wolkenkratzer
hat hineinrasen sehen, während ein Kommentator salbaderte:
"Nichts wird mehr so sein wie vorher", während
der Jemand, also ich, beim Wolkenkratzereingestürze
dache: "Mist, jetzt fallen bestimmt die Simpsons aus."
Und Recht hatte ich, die Simpsons fielen aus, allerdings
nur an jenem Dienstag, am Mittwoch liefen sie bereits wieder,
ich glaube, es war die Folge, in der Lisa befürchtet,
das Simpsons-Gen verursache ihre fortschreitende Demenz.
Von den Simpsons ist niemand gepierct, in meiner Familie
gibt es keine gepiercten Menschen, wobei: Weiß ich's?
Wer trägt Piercings? Die Demoskopen behaupten: Travestiekünstler,
Junkies, Britney Spears. Ich behaupte: Jeder, dem langweilig
ist und der nicht weiß, dass Langeweile auf schöne
Weise vertrieben oder gar genossen werden kann. Gelangweilte
Leute ohne Phantasie sagen: "Was sollte ich machen?
Mir war so langweilig, da hab ich mir die Unterlippe durchstoßen
lassen. Wenn mir jetzt langweilig wird, zupfe ich einfach
an dem Stahldorn in meiner Unterlippe herum, der Schmerz
lenkt mich ab von der Langeweile." Piercing-Leute erscheinen
wie eine Mischung aus Resident Evil-Zombies und asiatischen
Schmerzkünstlern, den Anstoß zu der Verunstaltung
ihres Körpers geben meist Pop- und Cliquen-Stars. Sehe
ich junge Damen mit bauchfreien Hemdchen, dann steckt gewiss
ein Metallding im Nabel. Will eine Dame Porno-Aktrice werden,
muss sie ein Bauchnabelpiercing tragen, ohne wird sie nicht
für würdig befunden, vor einer Filmkamera mit
männlichen Körperflüssigkeiten bespritzt
zu werden. Wissen die jungen, den metallisch geschmückten
Bauchnabel entblößenden Damen, dass sie für
eine Nebenrolle in "Blondinen blasen bräsig"
prädestiniert sind? Oder denken sie: "Ich seh
zwar aus wie eine Porno-Aktrice, allein, mich kümmert's
wenig, gelte ich in Bonn-Tannenbusch doch eh als ausgefuchstes
Flittchen"?
Männer, die Piercings tragen, wähnen sich im
Besitz besonders männlicher Attribute. Die Dornen,
Ringe und Nieten verstärken ihre Männlichkeit,
sie werden so männlich, dass sie Testosteron schwitzen,
ihr Speichel besteht aus Sperma, Haare wachsen ihnen auf
den Fußsohlen, in ihre Iris ist das Lebensmotto eingebrannt:
Cool wie Tricky anno 1994. Solche aufgemännerten Piercing-Träger
fügen in die Räume zwischen zwei Piercings gerne
Tätowierungen, die im öffentlichen Sprachgebrauch
seit etwa zehn Jahren Tattoos genannt werden, weil halt
ein jeder Mist englisch benamst nicht mehr gar so mistig
klingen mag, jedenfalls in den Ohren der Konsumenten und
Verbreiter solcher Ausdrücke. Vermutlich sagen solche
Leute "Frühstückszerealien", ohne dabei
zu erröten. Das Besondere dieser Männlichkeits-Piercing-Tattoo-Männer
ist ihre tendenzielle Unbedarftheit. Was haben diese Menschen
zu bieten, außer ihren MTV-kompatibel geschmückten
Körpern? Eine verhunzte Werbeclip-Sprache? Ein arrogantes
Gegucke? Gut, damit kommt man weit. Weiter als ich mit meinem
Hängebauch und einem Brillengestell und einer billigen
Designeruhr von der Second Hand Modemesse in Essen 1993
als einzige Metallstücke an meinem Körper. Neidisch
bin ich, ich gebe es nicht zu, es ist einfach so. Ich möchte
jugendstilisch mäandernde Farbbände auf meinem
Oberarm sehen, ich möchte auf Nickel kauen, während
ich schlafe, ich möchte, dass mein Schnodder eine Metallschranke
passiert, bevor er in ein Taschentuch gerotzt wird! Ich
möchte wiede 21 sein und Sätze sagen wie: "Die
Loveparade ist ja ziemlich kommerziell geworden" oder
"Wer heutzutage politisch sein will, der muss gegen
die Globalisierung sein." Leider geht das nicht mehr,
ich bin zu alt, zu farblos, zu unmetallisch. Keiner nähme
mich ernst, sagte ich derartigen Stuss, alle würden
sagen: "Warum redet der Alte wie ein gottverfickter
Teenie?"
Neulich sah ich jemanden, der älter sein mochte als
ich. Er trug einen Ring durch die Nase, wie früher
nur Ochsen. Er trug 23 Ohrringe, zwei Metall-Knubbel im
Lid, ein Dreizack ragte aus seiner Unterlippe. Den Hals
zierte ein auftätowierter Stacheldraht, böse guckte
der Mann, sein Schädel war rasiert, er mochte Sachen
denken, die Henry Rollins nicht einmal singen würde.
Er ging zum Kiosk, kaufte eine Zeitschrift. Nicht die Tattoo
International, nicht Heavy Metal Piercing, nicht Bad Cunt
Germany. Er kaufte die Neue Zürcher Zeitung, dazu ein
Hanuta. Ich dachte: "Weia", wünschte mir
eine Bauchnabelpiercingschlampe herbei, die das Handelsblatt
und ein Fläschchen Evian kaufte, allein, es kam nur
eine Greisen mit ihrer etwa vierjährigen Enkelin und
fragte nach dem neuen Bussi Bär. In meinen Ohren klingt
der Name dieser Zeitschrift doppelt obszön, findet
sich dafür kein englischer Name? Vermutlich war die
Enkelin ein schamlippengepierctes Luder und verhöhnte
ihre Großmutter. Was die unter ihrem Kittelkleid getragen
haben mag, will ich mir lieber nicht vorstellen.

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