Pier Paolo Pastinaki

(Hamburg, Peter Kusenberg) Leute, die einen FAZ-Fragebogen ausfüllen und auf die Frage nach ihrem "Hobby" angeben: "Kochen mit Freunden", sollten erschossen werden. Frauen zwischen 20 und 45 werden schwach bei Männern, die mit siebeckschem Unhumor im Gesicht sagen: "Ich koche nur, wenn Freunde bei mir sind, für mich allein lohnt sich's nicht, aber wenn ich koche, dann richtig." Übersetzt in gescheite Sprache bedeutet dies: Hobbywochenendköche ernähren sich gewöhnlich von labberigen Lieferpizzen, Kantinenpamp, Suppenküchenbrühe, Fritten, Bockwürsten und bei allen geschmackssicheren Menschen Brechreiz erzeugendes Pseudo-Essen der weltweiten Pseudo-Essen-Discount-Ketten wie MacDover. Die hier aus hasenfüßigen Gründen MacDover geheißene Kette wird von Hobbywochenendköche todsicherlich MacDoof genannt, die Konkurrenten heißen sie Würger King. Wollen sie großtun, dann gehen sie in ein "total geiles Sushi-Restaurant, voll angesagt." Dort essen sie Sashumi, weil das "wenig Kalorien hat". Ihr italienisches Stamm-Restaurant ist ein Geheimtipp, sie kennen den Wirt persönlich. Eine mir glücklicherweise unzureichend bekannte Dame lotste mich in ein solches Etablissement. Auf meinen Einwand hin, ich habe dieses Restaurant in schlechter Erinnerung, das Essen sei lausig, die Preise happig, ich hätte eine Stunde lang auf den Kellner und zwei auf das Essen warten müssen, sei dabei ungastlich behandelt worden, meinte sie: Man müsse "Paolo" kennen, dann würde er einem tolle Sachen kredenzen, die nicht auf der Speisekarte ständen. Paolo! Der jämmerliche Restaurant-Knilch aus der Lindenstraße heisst so. Seine älteste Tochter ist ein Luder, die weibliche Bedienung im Lieblings-Restaurant besagter Dame ist eine nachlässige, gelangweilt dreinschaucende Schlunze, sie ist möglicherweise die Tochter des nepotistischen Paolo. Der begrüßte meine Begleiterin mit einem Küsschen links, einem rechts, brabbelte irgendetwas daher, das Italienisch, Piemontesisch oder Oberpfälzisch gewesen sein mochte, verschwand, ohne mich einmal angeschaut zu haben. Das empfohlene Essen - für mich in vegetarischer Form - bestand aus ungewürztem Nudelmansch und einem öligen Salat, der Wein mochte aus einer Flasche Vin de Paye rouge (Plus-Markt, 1,99 Mark) ins schlecht gespülte Glas geronnen sein. Hobbywochenendköche sagen nach einem solchen Essen: "Ich lass mir das Rezept geben und koch das selbst am Wochenende, dazu lade ich noch ein paar Freunde ein, damit sich's lohnt." Am Wochenende lockt er 28 Zeitverschwender in seine 120-Quadratmeter-Loft-Wohnung, blättert sich zuvor Stunden lang durch 43 Fachbücher von Könemann oder Graefe und Unzer, verkündet vor Beginn der vermeintlich delikaten Schlemmerei: "Als Vorspeise gibt's Suppe aus Zuckerschoten mit Scampi und Pasta, als Hauptgericht Farfalle mit Artischockenherzen und Oliven, zum Nachtisch einen Kokos-Zitronenkuchen mit Rissoni." Für dieses Ensemble fader Nudelspeisen und übersüßter Pampe steht er acht Stunden lang in der Küche, ruft bei Backen, Bräteln und Dünsten gelegentlich "Ah, bene!" Oder "Al dente, sag ich nur!" Alle 28 Gäste sind total begeistert, lassen ihren Hobbykoch hochleben und fragen ihn nach der öden Schlemmerei, wie er denn das Pesto so hinbekommen habe. Er wehrt ab, sagt: "Alles eine Frage der Disziplin, man muss frischen Basilikum nehmen, das ist das Wichtigste." Zum Schluss gibt es für jeden Nudelessensteilnehmer ein spezielles, missgeformtes Glas, gefülllt mit minderwertigem, aus verfaulten Weintrauben hergestellten Branntwein: "Grappa muss man in zwei Schlucken trinken, zwischen beiden Schlucken eine Pause machen und das Aroma einatmen." Pesthauch der Biotonne.

Hobbywochenendköche mögen mich nicht. Den Einwand, niemand möge mich, lass ich nicht gelten, es es durchaus denkbar, dass mir meine Mutter eine Geburtstagskarte schicken wird, in diesem Jahr hat sie's nicht gemacht, sie wird's vergessen haben. Der hauptsächliche Unterschied zwischen mir und Hobbywochenendköchen besteht darin, dass ich nicht nur am Wochenende koche, ich koche täglich. "Was kochst du da?", fragen sie mich. "Reis mit Erbsen", antworte ich. - "Ach, Risotto!" - "Nein, Reis mit Erbsen." Ich koche, was mir schmeckt, was nahrhaft ist, innerhalb einer Stunde zubereitet werden kann und nicht die industrielle Verwurstung von unglamourösen, doch zumeist freundlichen Tierchen wie Kühen und Schweinen befördert. Sushi lassen sich innerhalb einer Stunde zubereiten, es sei denn, man stellt selbst eine minderwertige Sojasauce her, statt eine wohlschmeckende für 2,99 Mark im Asiatischen Supermarkt zu kaufen. Die helle Sauce ist teurer als die dunkle, heller ist sie nicht, sie heißt hell, weil der legendäre Ur-Punk Richard Hell einmal den Staatspräsidenten Südkoreas zum Lachen brachte, und bekanntlich lacht der Staatspräsident Südkoreas niemals. Aus Verwirrung ob dieses ungewohnten Lachens verhängte der südkoreanische Staatspräsident eine Steuer auf südkoreanische Sojasauce, allerdings nur auf die Flaschen, deren Etikett auf den 70er-Jahre-Punkrocker und Freund der stets traurigen Musiker der Band Television verweisen, also Hell heißen. Helle Sojasauce ist beliebt bei alten und jungen Koreanern und Nichtkoreanern, gerne denken die Käufer an den amerikanischen Künstler und sagen sich: "Zwei Mark mehr geb ich gerne dafür aus, wenn ich damit dem Präsidenten Südkoreas eine Freude bereiten kann, viel hat der arme Mann ja nicht zum Lachen." Der Präsident schmollt derzweil in seinem Palast, er kann den Verkauf der hellen Sauce nicht genießen, denn ein Hobbywochenendkoch lud ihn zum Nudelessen ein. Eher würde sich der Präsident umbringen, als am Ende des Mahls einen Armeleuteschnaps aus umständlich geformten Gläsern zu trinken. Er nähm das vom Ururururgroßvater geerbte Schwert vom Wandhaken über der Chaiselongue und betriebe Harakiri, was jedem Menschen geraten sei, der während der Veranstaltung eines Wochenendkhobbykoches zum Grappa-Trinken genötigt wird. Ist kein Erbschwert zur Hand, so reicht ein Tranchiermesser oder ein Krups-Stabmixer.