Im Dunkeln ist gut Munkeln
(Hamburg, Peter Kusenberg) In der Schule lernen
Schüler, dass die Presse im Dritten Reich gleichgeschaltet
war. Jeder Zeitungsartikel wurde vor der Veröffentlichung
von Joseph Goebbels, dem sympathischen Hinkefuß vom
Niederrhein, abgesegnet. Gebeugten Hauptes saß die
rheinische Frohnatur in ihrem Wohnzimmer in einem schicken
Berliner Villenvorort, um sich nicht von den Verlockungen
der Großstadt verführen zu lassen, und prüfte
Redakteursbeiträge darauf, ob sie freche Spitzen gegen
das Regime enthielten oder ob alles Roger war. Für
seine Arbeit nutzte er einen Stabilo point 88 schwarz, einen
in mehreren Farben lieferbaren Feinschriftschreiber, im
Hintergrund dudelten die Box Tops. Sang Alex Chilton "The
Letter", so sprang Herr Goebbels, für den nicht
involvierten Betrachter unerwartet behend, aus seinem Ohrensessel
und wiegte den Oberkörper zu den Klängen eben
jenes einzigen Hits der sympathischen Band, deren charismatischer
Sänger Chilton im Jahre 1980 die umwerfende Platte
"Like flies on sherbert" aufnahm und zur Freude
unzähliger Freundinnen und Freunde cooler Popmusik
veröffentlichte. Sherbert ist nicht die schwule Version
des Namens Herbert, Sherbert heißen in England bei
Kindern beliebte Speise-Eise, Anglisten lassen häufig
das R weg, die Süßspeise klingt dann hinten genau
so wie Sorbet.
Heute hört vermutlich niemand mehr Popmusik von Alex
Chilton. (Lebt der überhaupt noch?) Heute prüft
niemand mehr die Artikel irgendwelcher Redakteure, oder
es prüft sie jemand, dem die Parzen Unverstand in die
Wiege legten. Ich weiß nicht, ob die Parzen fürs
Indiewiegelegen Irgendwelcher abstrakten Dinge zuständig
sind, in Wilhelm Buschens Tobias Knopp schneiden sie anschaulich
den Lebensfaden des Helden ab, warum sollten sie nicht lebensfadenspinnend
oder verstandhineinmischend wirken? - Die meisten Artikel,
die in Zeitschriften gedruckt erscheinen, zeugen vom Nichtverstand
der Schreibenden. Eine mäßig interessante, tendenziell
unattraktive Frau gehobenen Alters begeht Selbstmord: Sturm
bricht los! Auf jedem Titelblatt jeder deutschen Illustrierten
schaut Hannelore Kohl den Betrachter an, dass sich neurotische
Betrachter gedrangsaliert fühlen. (There isn't anything
else von Wreckless Eric würde ich gerne in einer Version
von Alex Chilton hören. Leider weiß ich nicht,
ob Herr Chilton noch lebt und gegebenenfalls bereit wäre,
dieses Stück angemessen zu interpretieren.) Was will
die Alte? Hat ja einen mäßig würdevollen,
tendenziell rockstarkompatiblen Abgang gemacht: Schön.
Kurt Cobain war damals vermutlich nicht auf dem Cover der
Neuen Revue, Ian Curtis auch nicht. Und die beiden haben
Teenager-Musik gemacht, Frau Kohl hat gar keine Musik gemacht,
jedenfalls keine, die auf Vinyl oder - How yesterday! -
CD gepresst worden wäre. Frau Kohl hat Walter und Peter,
die beiden Racker, zu dicklichen, fernsehkamerascheuen Kobolden
erzogen. Vor ein paar Jahren lief in der Titanic die lustige
Serie "Helmut, Hannelore und die Bubb'm" von Alfred
Hefele. Peter war dort immer der Lausbub, gewissermaßen
der Hansi Kraus der Kohl-Familie, zu dem Helmut Kohl gelegentlich
zu sagen pflegte: "Gleich hau ich dem Saububb'm eine!"
Frau Kohl intervenierte: "Düdeldühü!"
Dieses "Düdeldühü!" könnte
als hannelorekohlsche Credo gelten, müssten nicht deutsche,
von keinem gestrengen Propagandaminister zensierten Postillen
Sätze schreiben wie "Glück in St. Gilgen.
Aber Getuschel beim Bäcker". Auf dem Bild daneben
schaut Hannelore Kohl pikiert drein. Statt pikiert könnte
ich angepisst schreiben, das wäre weniger gala-esque,
eher privatfernsehenkompatibel. Die Gala und die Neue Revue
verbreiten nicht die scheusslichste Sprache, viel schlimmer
gebärden sich Tageszeitungen, Fachmagazine und kostenlose
Mitnahmeblättchen. Auf der Titelseite der Welt am Sonntag
vom 22. Juli, also Wochen nach dem Tod der im Jahr der Ernennung
Joseph Goebbels' zum Propagandaminister geborenen Politikergemahlin,
steht ein kohl-anbiederischer Artikel eines schreibtechnisch
ungeschickten Historikers, der einige Male von Hannelore
Kohl zubereitetes Sorbet in Ludwigshafen verspeiste, dies
in der gedankenlosen Sonntagspostille verschweigt. Hannelore
Kohl ist ubiquitär. Dieses Fremdwort ist so scheusslich
wie die Pressesprache, die in puncto Hässlichkeit die
Frisur von Hannelore Kohl übertrifft; von der Frisur
schreiben viele Redakteurinnen und Redakteure, in der Fuhle
steht davon nix. Die Fuhle verbreitet "Nachrichten
und Meinungen um die Fuhlsbütteler Straße".
Diese Straße verbindet Barmbek mit Fuhlsbüttel,
ein Stadtteil, der wegen seines großen Flughafens
so bekannt ist wie Hannover-Laatzen wegen der dort stattfindenden
Remmidemmimessen. Im Aufmacher der Fuhle wird die Hamburger
Hochbahn dafür gelobt, dass sie trotz des Umbaus der
U-Bahn-Linie 2 den Zeitplan einhält. Das ist nicht
spannend, gegenüber dem Hannelorekohlgetöse wirkt
es wie eine mediale Erholungsreise in eine unspektakuläre,
unglamouröse Welt, die bevölkert ist von Holzlaubenbesitzern,
Vitamalz trinkenden Kindern und Frauen, die Haarnetze tragen.
Frau Kohl hat möglicherweise ein Haarnetz getragen,
jedenfalls war sie eine Frau, der ich das zutraue. Frau
Goebbels hat wohl keine Haarnetze getragen, die lief mit
offenen Haaren durch die Villa und suchte ihre vielen Kinder,
die sich vor ihr versteckten, um nicht die vom Vater gemachten
Korrekturen an den Presse-Artikeln ausführen zu müssen.
Der Vater trieb sich zur Abwechslung von der Proofreaderei
mit Schauspielerinnen herum, lud Katja Flint zum Abendessen,
machte Hannelore Hoger seine Avancen und tanzte mit der
hochschwangeren Sandra Speichert im Sylter Heilbad List
zu Liedern der Box Tops. Dafür schalt ihn der Führer;
Frau Goebbels war traurig ob derartiger Eskapaden.
Jetzt hab ich mich in wüste Spinnereien verloren und
ganz vergessen, dass ich Presse-Erzeugnisse rügen wollte.
"Immer nur meckert der Kerl, kannste nicht mal was
loben?" Das sagt der 30 Zentimeter hohe Plüschpinguin
auf meinem Monitor, der nur deshalb interveniert, weil er
will, dass ich für Linux werbe. Der Pinguin, Tux, ist
das Maskottchen des sympathischen Betriebssystems aus Finnland,
das ich gewiss eines Tages loben werde. Jetzt lob ich nicht,
diesen Text schreib ich mit Lotus WordPro auf Windows 98SE.
WordPro lobe ich, doll lobe ich die Katzenpfötchen
von Katjes, die ich futtere. War Hannelore Kohl eine Haribo-
oder eine Katjes-Anhängerin? Ich mag keine Süßigkeiten;
Süßigkeiten heißen in Norddeutschland "Schlickersachen";
Ich fänd toll, wenn es einen Schlickersachen-Streit
, ja, einen Krieg zwischen Katjesianern und Hariboisten
gäbe. Ich wäre für Katjes, die Pfötchen
enthalten Agar-Agar und keine Gelatine.
P.S.: Für diesen wirren Beitrag möchte ich mich
bei allen Leserinnen und Lesern entschuldigen. Es ist halt
nicht einfach, einen Artikel über Hannelore Kohl und
Joseph Goebbels zu schreiben und dabei Katzenpfötchen
zu essen, während Tux höhnisch - wie mir scheint
- auf meinen geheimratseckigen Kopf blickt. (Die dumme Sau!)

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