Bonjour, tristesse!
(Hamburg, Peter Kusenberg) trotz Frédéric
Beigbeder, Jean Baudrillard und des Franzbranntweintrinkers
Wiglaf Droste halte ich Abstand zu unseren Verwandten mit
der nasalösen Sprache. Möglicherweise erböste
Herr Droste, läse er meine konjunktivreiche Unterstellung;
um das Franzosentrio nicht zu einem Zweidrittelfranzosentrio,
also ein Franzosenduo verkommen zu lassen, unterstellte
ich Herrn Droste eine abwegige Trunkvorliebe. Vermutlich
trinkt er Bier, wie, leider, die meisten Bewohnerinnen und
Bewohner Mitteleuropas. Einmal sah ich ihn live, am 17.
Juni 1988, meinem 20. Geburtstag, er las, sang und witzelte
sich durch ein über zweistündiges Programm, improvisierte
wie Harald Schmidt zu Schmidteinanderzeiten, und trank ein
Bier nach dem anderen. Wäre ich ein Bierkenner, mindestens
ein Biertrinker, ich wüsste zu sagen, ob es sich um
Kölsch, Pils, Alt oder Malzbier handelte. Da die Lesung
in Köln stattfand, wirds ein Kölsch gewesen sein,
mein Vater, ein gebürtiger Rheinländer, trinkt
gerne Kölsch, gelegentlich Pils, niemals Alt oder Dunkelbier.
Ich trank als Kind Vitamalz und das Dunkelbier der Bielsteiner
Brauerei, auf dessen Etikett ein geflochtener Weizengarbenkranz
abgebildet war. Reminiszenzonkel werden sagen: "Ja,
damals war alles schön siebziger." Das stimmt
nicht so ganz, in den Siebzigern gab es Sechziger- und Fünfziger-Inseln,
Verwandtenfeiern waren eher Fünfziger, Schulaufführungen
zur Grundschulzeit latent Sechziger - und ab 1977 begannen
eh schon die Achtziger; die Popband Wire, Baudrillard lesende
Slavistik-Studenten und Kinder-Milchschnitte hatten mit
dem Jahrzehnt der Haschraucher, Derrick-Krimis und Fußball-WMs
nix mehr zu tun. Heute gibt es gar kein Jahrzehnt mehr,
wie sollte man es auch nennen? Das Nuller? Die 90er waren
bereits beliebig und total retro, die ersten zehn Jahrzehnte
des 21. Jahrhunderts sind halt einfach 21. Jahrhundert.
Herr Baudrillard könnte dies fein erklären, etwa
mit der Schnelligkeit des Retroismus, der im 21. Jahrhundert
zitiert, was noch passieren wird und sich dabei am Material
der vorangegangenen Jahrzehnte bedient. Die Menschen im
Mittelalter hatten es gut, die brauchten sich um so einen
Quatsch keine Gedanken zu machen. Bauer Franz aus Soest
hätte im Jahre 1272 niemals gesagt: "Die Klamotten
des Lehnsherrn sind voll Fifties-Style, seine Alte trägt
einen total krassen Neo-Post-Scifi-Look, der die Renaissance
vorwegnimmt, dabei übelst die Post-Ritter-Fashion der
Dreißiger zitiert." Der Leser mag jetzt einwenden,
Franz hätte eher Franciscus geheißen und Sachen
gesagt wie: "Unser süeze ist gemischt mit bitterer
gallen." Das ist Blödsinn. Alle Dialoge, die auf
Mittelalter machen, sind totaler Blödsinn. Mittelhochdeutsch
wurde nie gesprochen, selbst der Gymnasiastenschreck Walther
von der Vogelweide sprach nicht so wie er sang. Einigermaßen
lebensecht ist es, die Mittelaltermenschlein mit heutigem
Jargon reden zu lassen statt Dichterschriftsprache. Dichterschriftsprache,
gute Dichterschriftsprache, ist immer so weit wie möglich
von gesprochener Sprache entfernt. Jede gute Schriftsprache
hat mit der gesprochenen Sprache wenig gemein, nur wenn
sich der Schreibende mit dem Blödsinn brabbelnden Durchschnittsbrabbler
gemein machen will, sagt er Dinge wie "das macht Sinn"
oder "total krass" oder "falls es jemanden
interessiert". Letzte Sentenz benutzt der verständlicherweise
verhasste Niels Ruf in seiner verständlicherweise Würgereize
hervorrufenden Kolumne der Würgereize hervorrufenden
Zeitschrift Maxim. Da haben sich zwei gefunden: Ein überflüssiges
Magazin, für das Millionen Bäume geschlagen und
zu Hochglanzpapier verarbeitet werden - und ein Dämlack,
der gar nichts kann, nicht mal Bäume umhacken. Das
ist allerdings eine schwierige Arbeit, die ich niemals gerne
verrichtete, auch wenn mich mein Vater dazu zwang, im Sinne
vermutlich einen Gedanken wie: "Hockt immer über
seinen Büchern, der Kerl, jetzt lernt er mal was fürs
Leben." Ich lernte es nie richtig, holte mir jede Menge
Blasen an den Handinnenflächen und Schrammen am zarten
Leserattenleib. Um Niels Ruf der Schande des Garnichtskönnens
auszusetzen, würde ich die Beschwerlichkeit des Bäumefällens
gerne einmal auf mich nehmen. Dann müsste das Laut&Lärmig-Fernsehen
dabei sein, die Bild-Zeitung und andere Menschen hassenden
oder zumindest missachtenden Kreatürlein. Die haben
Besseres zu tun, als einem unbekannten Kolumnisten beim
vermutlich wenig elegant anzuschauenden Waldarbeiten zuzuschauen,
es sei denn, Niels Ruf wäre in der Nähe und kommentierte
mein Treiben, etwa, in dem er allerlei Obszönitäten
aneinanderreihte und zu etwas Satzähnlichem verbände.
Das fänden die Fernsehfritzen und Zeitungsflittchen
toll, denn von solchen Nichtereignissen leben sie. Ein anderes
Nichtereignis genösse ich gerne: Wiglaf Droste und
Frederic Beigbeder schlendern durch den Wald und sprechen,
auf Französisch, über die Beschwerlichkeit des
Bäumefällens. Beigbeder zitiert, auf Deutsch,
das Kafka-Bonmot von den Baumstämmen im Schnee und
Wiglaf Droste sagt Ostwestfälisch, er tränke niemals
Franzbranntwein, meistens süffele er Bier, die Sorte
sei ihm egal, Hauptsache, es sei kalt und hätte eine
Krone. - Solche Ereignisse kommen im Fernsehen selten vor,
vielleicht auf Phoenix oder dem Südwestfunk, Sender,
die wenige, zumeist alte Zuschauer haben, die gar nicht
wissen, wer Niels Ruf ist und bei Baudrillard an einen Chansonnier
aus den Siebzigern denken, dessen demnächst auf der
letzten Seite des Stern-Magazins gedacht wird. Was macht
eigentlich Maurice Baudrillard, der Sänger, der 1972
einen Nummer-Eins-Hit mit "Je regret, mon amour"
hatte? Er lebt in einem Zweifamilienhäuschen in Clermont-Ferrand,
ist in dritter Ehe mit einer bretonischen Supermarkt-Kassiererin
verheiratet und beschäftigt sich mit dem Anlegen eines
Zierteiches in seinem 80 Quadratmeter großen Garten.
Seine älteste Tochter arbeitet bei dem langweiligen
Labersender TV5 als Regieassistentin, sie hatte mal was
mit Frederic Beigbeder, seit 1995 hat er nicht mehr bei
ihr angerufen, der Schuft.
P.S.: Es ist schade, dass es diese Webseite nicht in einer
französichen Version gibt. Dann klickte man einfach
auf die Trikolore und schon hieße ich Pierre und erführe,
was Gymnasiastenschreck auf Französisch heißt.

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