My white bicycle

(Hamburg, Peter Kusenberg) Im Winter 2000/2001 zog ich nach Hamburg, mietete eine Altbauwohnung im langweiligen Stadtteil Barmbek, freute mich auf den Frühling, wenn ich die etwa sechs Kilometer kurze Strecke zur neuen Arbeitsstelle in Hammerbrook mit dem Fahrrad bewältigen würde. Hammerbrook ist ein langweiliger Stadtteil, doch anders langweilig als Barmbek: Statt rostroter Backstein-Wohnhäuser recken sich sieben-, acht- oder neungeschossige Bürotürme gegen den niedrigen Hamburger Himmel; vor diesen Gebäuden halten keine Touristenbusse, um den Insassen Gelegenheit zum Fotografieren zu geben; die Konstruktionen aus Glas, Stahl, Beton und anderen Zutaten modischer Architektur passen genau so gut nach Frankfurt oder Brüssel. Auf meinem Weg ins Arbeitsviertel der City-Süd überquerte ich 41 Straßen, an den Rändern von 32 dieser Straßen stehen Ampeln, die rot sind, wenn ich auf sie zu fahre, die grün werden, wenn die nachfolgende rot wird. Fahre ich über die erste grüne Ampel hinüber, muss ich auf der Verkehrsinsel warten, bis die zweite Ampel auf Grün umschaltet. Schaue ich nach links, so sehe ich die Straße, auf der motorisierte Fahrzeuge fahren, die ich im Folgenden mit dem altmodischen Synonym für Auto Blechbüchsen nennen möchte. Der Plural von Auto ist falsch, im Deutschen ist S kein Pluralzeichen; Auto ist zudem die Kurzform für Automobil, das im Plural auf E endet. Zu sagen, dort drüben fahren Autoe oder Autö, verbietet ein waldschratartiger Hirnschrat in meinem Kopf, der dem Münchner im Himmel aus der gleichnamigen Fernsehserie ähneln mag. Den Münchner im Himmel sah ich einmal in einem Farbfernsehgerät im Kölner Aldenhoven Möbelgeschäft herumharfeln, dort kauften meine Eltern einen Sekretär, etwa 1978. Ein Vierteljahrhundert später, auf der Fahrradfahrt durch die nächste Umgebung der Hamburger Innenstadt, nahe des östlichen Alsterufers, schwebt der Hirnschrat engelsgleich durch mein Hirn und achtet darauf, dass es keinen Schaden nimmt, wenn ich, unbehelmt, gegen einen Pfosten fahre oder von einer Blechbüchse gerammt werde.

Viele Fahradfahrer tragen einen Kassetten-, CD-, MD- oder MP3-Spieler und hören vermutlich Blumfeld oder Britta, wenn sie durch Borgfelde radeln. Ich trage keine Kopfhörer, ich denke mir Musik aus und spiele sie aus meinem Gedächtnis ab. Der Musik-Genus ist weniger groß als beim Abspielen auch äußerlich wahrnehmbarer Musik, die Gefahr, ein Polizistentriller zu überhören, ist hier gering. Gerne höre ich Clinic oder Clinton, Clinic für Regentage, Clinton für Tage, an denen die Stadt im Sonnenlichte blinkt. An normalen Tagen höre ich "My white bicycle" von Tomorrow. Diese Band, bei der ein späteres Mitglied einer erfolgreichen Prog-Rock-Gruppe der Siebziger die Gitarre gniedelte, brachte 1967/68 ein paar Singles heraus, die Mitte der 80er Jahre gerne als psychedelisch charakterisiert wurden. Die Tomorrow-Singles weiteten die Seele nicht, doch verengten sie die Seele nicht, wie etwa die entbehrliche Zeitschrift gleichen Namens, in der nie etwas über Fahrräder, gelegentlich etwas über Fahrradkauf im Internet steht. Der Sprachkritiker Wolf Schneider schrieb in einem seiner 147 Bücher, Zeitschriften seien entbehrlich. Damit spricht er wie halt ein Tageszeitungsfritze spricht: Als sei eine 30seitige Stern-Reportage über die in ihrer Jugend Pfannkuchen geheißene Ex-Kanzler-Gattin Hannelore Kohl weniger wichtig als eine Menschen verachtende Bild-Titelstory über ertrinkende Realschüler in Venezuela. Dieser ganze Aktuell-Quark ist eine feine Sache für Leute, die bei Günther Jauchs Ratesendung Geld gewinnen wollen oder karrierekostümierte Frauchen im Nachbarbüro approachen, in dem sie ihre persönliche Meinung zur aktuellsten Meldung über die von Bild "enthüllte" Homosexualität des späten Kurt Georg Kiesinger erzählen. Für gescheite Leute oder Leute, die keine Bürokolleginnen haben, ist der Aktuell-Quark entbehrlich, keinem Menschen nutzt es, darüber Bescheid zu wissen, dass über Nepal eine Eurowings-Maschine abstürzte und dabei 128 Insassen und 13 Nepalesen starben. Schelten Sie mich nicht fehlender Akkuratesse, freilich weiß ich, dass die Eurowingsmaschinen nicht über Nepal fliegen! Das weiß ich nicht aus der Tagesschau oder der Mopo, das weiß ich, weil vor den Wings ein Euro steht. Flögen die Eurowingsmaschinen über Nepal, hießen sie Interwings oder Eurasiawings. Ich fliege selten, das Fliegen verschmutzt die Luft noch mehr als das Gerauche der Blechbüchsen. Mit dem Fahrrad kommt man überall hin, es sei denn, man verlässt die Grenzen der eigenen Stadt oder ist farradfahrbehindert. Die Grenzen der eigenen Stadt sollte man nur ausnahmsweise verlassen, mit Freunden, Freundinnen und Eltern korrespondiert man genau so gut, wenn nicht besser, via E-Mail, ICQ, Briefpost oder Telefon. Fesche Burschen und coole Girls fahren die Strecke von Lübeck nach Koblenz mit dem Fahrrad, ihre Körper werden nach der Anstrengung geschmeidig und sonnengebräunt sein: Lohn der umweltverträglichen Reisemühe. Ich bin ein fauler Sack, ich fahr vielleicht von Barmbek nach Hammerbrook, Lübeck ist mir bereits zu weit, bei Reisen in die überwiegend backsteinfarbene Ostseestadt nehme ich den Zug. Der Zug verbraucht wegen mir nicht mehr Energie, ich wiege ja nicht so viel wie der diessommerig verwitwete Helmut Kohl, der seit dem Tod seiner Gattin vielleicht vor Gram ein paar Pfündchen abgenommen hat, wahrscheinlich aber nicht. Ich erinnere keine Bilder, auf denen Helmut Kohl Fahrrad fährt. Schröder fährt immer Auto, das ist so ein Autolobbyistenschlecker, Helmut Schmidt fuhr immer Schiff und trug dazu eine Kapitänsmütze, doch der Altlinken verhasste Franz-Josef Strauß schwang sich gelegentlich auf ein Fahrrad und lachte dabei, als mache ihm dies Spaß und koste nicht unendliche Mühe, denn ein diabetischer Fettkloß mit annähernd vierstelligen Bluthochdruckwerten fährt gewiss nicht so unbeschwert mit dem Fahrrad wie ein nicht rauchender Blumfeld-Musiker, der durch Hohenfelde radelt und dazu die beste aller Tomorrow-Singles in der Vorstellung abspult. Wahrscheinlich rauchen alle Blumfeld-Musiker, und wenn sie Rad fahren, dann setzen sie einen MP3-Player auf und hören Innersonic Sound Orchestra oder Bisk, deren Platten ich mir auf Anraten der Fachzeitschrift Spex kaufte, ob der langweiligen Musik ziemlich enttäuscht wurde. Die Platten der Band Bis sind empfehlenswert, die hörte ich via MP3-Spieler, wäre mein Hirnplayer defekt.