Es gibt Eis, Baby!
(Hamburg, Peter Kusenberg) Die meisten Menschen
Mitteleuropas essen süß, sie essen fett. Fettleibige
Menschen essen süße fette Sachen wie Schokonusskrem
und sagen: "Auf mein Nutella-Brot am Morgen kann ich
nicht verzichten." Mit jedem Bissen ihres Nutella-Brotes
werden diese Menschen fetter. Verzichten können sie,
sie wollen nicht verzichten, daher passen ihre Seelchen
in die fetten, ungelenken Körper. Oder sie sind nicht
fett, rennen nach dem Nutellabrot zwei Stunden lang auf
einem Laufband, um die Nussnougat-Kalorien auszuschwitzen.
Ich hab meinen sich tendenziell konvex verhaltenden Bauch
verdient, ich trinke zu viel Wein und esse VIEL. Fettes
und Süßes esse ich nicht, ich hungere nach Kartoffeln,
Senf, Joghurt und Kohlrabi. Als einziges süßes
Essen ist mir Speise-Eis nicht zuwider. Diese Ausnahme mache
ich, weil Eis kalt ist. Kalte Sachen mag ich, etwa kaltes
klares Wasser. Am liebsten mag ich eine kalte Dusche am
Morgen, während das Stück Kaltes Klares Wasser
von den Chicks on Speed im Hintergrund vor sich hin tuckert.
Das Stück ist eine Coverversion des Malaria-Liedes,
zu dem ich 1986 gerne an sogenannten Wave-Abenden in gewöhnlichen
oberbergischen Kneipen tanzte. Kalt ist Grönland, die
Nordsee, Southpark. Southpark ist der Heimatort von Kyle,
Stan, Kenny und Cartman, die in der gleichnamigen Serie
herumspäßeln. Anders als die Simpsons vermögen
sie nur auf Englisch zu späßeln, die deutsche
Synchronisation ist derart misslungen, dass ich weinen würde,
besäße ich nicht alle englischsprachigen Folgen
auf Datenträgern des frühen 21. Jahrhunderts.
In Southpark ist immer Winter, außer in der Folge,
in der Cartman nicht ins Schwimmbecken hüpfen möchte,
weil dort die ganzen Erstklässler schwimmen, die, wie
er befürchtet, ins Becken pieseln.
Warmes Wasser kann ich schwer ertragen, die Härchen
auf der Unterschenkelhaut müssen sich vor Aufregung
kräuseln, wenn ich einen See betrete, das heißt:
Maximal 19 Grad darf der See warm sein, wärmeres Wasser
erleichtert das Hineinwaten, erschwert den weitaus länger
andauernden Genuss des Schwimmens. Der von mir verehrte
ostwestfälische Schriftsteller Max Goldt wies in einer
seiner Titanic-Kolumnen des Jahrgangs 1997 darauf hin, dass
ganze Zwergstaaten mit der Energie ganzjährig beheizt
werden könnten, die gespart würde, duschten alle
Deutschen immerzu kalt. Ein schöner Gedanke, ein illusorischer
Gedanke, denn der Nutella-Brot-Fresser quakt gleich dazwischen:
"Auf meine warme Dusche am Morgen kann ich nicht verzichten."
Kann er, will er nicht.
Die ganze Menschheit kann mühelos auf die meisten
Eissorten verzichten. Ich meine nicht die Geschmacktsrichtungen
der Kugeleis-Eise, obwohl die Daseinsberechtigung von Maracuja-Eis
debattierwürdig erscheint. Ich meine die Eise, die
Schöller, Nestlé-Motta, Mövenpick und Langnese
auf ihren bunten Eis-Tafeln anpreisen. Akzeptabel für
Menschen mit einer Vorliebe für Süßes mögen
Cornetto, Menschen mit Vorliebe für Süßes
und Fettes mögen Domino, Magnum und Nogger, die mit
einem uneisigen Schokoladenmantel überzogen sind. Diese
Eise sind okay, ich würde sie selbst nicht essen, ich
dulde sie mit einem unhörbaren Zähneknirschen.
Flutschfinger, Kaktuseis und Buntstift sind Kindereise,
haben keinen Nährwert, schmecken Erwachsenen nicht,
sind für vorpubertäre Menschlein okay - ohne Zähneknirschen.
Schlimm sind neumodische Show-Eise. Ein Show-Eis basiert
auf einem Gimmick, der mit der Qualität des Eises nichts
zu tun hat. Eines der ersten Show-Eise war Ed von Schleck,
ein Vanille-Furchtirgendwas-Hybrid, der an einem Lolli-artigen
Stab aus einem Plastikzylinder herausgestoßen wurde.
Mit diesem dämlich betitelten Eis wurde Verpackungsmüll
produziert, der, aufgeschichtet, die Höhe der Schneekoppe
erreichen würde. Ed von Schleck war offenbar sehr erfolgreich,
während das prima Kindereis Berry, Ende der 70er für
25 Pfennig zu kaufen, von den Eiskarten verschwand. In den
90er Jahren tauchte ein neues Show-Eis auf. (Beinahe hätte
ich taute statt tauchte geschrieben, das wäre ebenfalls
richtig gewesen, denn Solero muss erst auf-, zumindest antauen,
damit es show-eis-hungrige Menschlein genießen können.)
Solero besteht aus einer Plastikkapsel, in der sich mehrere
hundert grüne Kügelchen aus stark gezuckertem
Wassereis befinden. Die Kügelchen sind zusammengefroren,
sie purzeln erst aus der aufklappbaren Luke heraus, wenn
sie angetaut sind - und die Kapsel geschüttelt wird.
Verschließt man beim Schütteln die Kapsel nicht
gescheit, fallen die Kügelchen heraus, in den Ausschnitt
eines T-Shirts oder auf nackte Füße; dann können
sie nicht mehr gespeist werden, beflecken das Hemd, kühlen
die von der Sommerhitze schwitzigen Füße. Ein
Eis von Motta sieht aus wie eine Sonnenkremtube, es besteht
zu 50% aus Verpackung und verhält sich zum Ed-von-Schleck-Verpackungsmüllberg
in wie der K2 zur Schneekoppe. K2 sag ich, um nicht Mount
Everest zu sagen, der höher ist, aber einen weniger
lakonischen Namen hat; außerdem denkt ein jeder bei
der Nennung des Namens des höchsten Berges der Welt
an Reinhold Messner, die bärtige Schwallkappe, mit
dem Helge Schneider auf seiner Platte "Es gibt Reis,
Baby" Playmobil in der Antarktis spielte.
Das schlimmste Eis der Show-Eise ist das Kaugummi-Eis von
Schöller, dessen Name ich nicht erinnere. Neulich sah
ich, wie eine Freundin ihren beiden Kindern je ein Kaugummi-Eis
von Schöller kaufte: Dem ersten, beinahe fünf
Jahre alten Kind brach der Kaugummi-Stiel entzwei, es begann
zu greinen und musste, unter mütterlicher Anleitung,
den Eiskörper mit den Fingern festhalten, wobei es
sich fürchterlich vollsaute und kalte Finger bekam,
was es immer wieder greinen ließ. Das andere Kind,
zwei Jahre alt, hielt das Eis verkehrtherum, also an der
Kopfseite, zupfte den losen Stiel heraus, steckte den Corpus
in die Tasche und pellte das Kaugummi aus der Plastikumhüllung
des Stiels, unachtsam gegenüber der zunehmenden Zermanschung
des Resteises in der Anorak-Tasche. Die Mutter sagte: "Kann
man waschen, Anorak und Kinder", ich antwortete: "Darauf
könnte ich verzichten, mein Kind bekommt nur unglamouröse
Eise." Ich versuchte sie zu überreden, die Kinder
kalt zu duschen: Einmal, um der Welt Energie zu sparen,
zum anderen, um die Eisheinis für ihr Gebrüll
und Gemansch während der Eisverzehrzeit angemessen
zu entlohnen.

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