Die Spielothek am Rande der Stadt
(Hamburg, Peter Kusenberg) Hamburg ist hässlich,
jedenfalls größtenteils. Schön sind der
Hafen, die Stadtteile rund um die Alster, der Jungfernstieg,
der Ohlsdorfer Friedhof, der Tierpark, ein paar grüne
Sprenkel hier und da. Es heisst, die Städtchen rund
um Hamburg seien es schön, ich wollte mich davon überzeugen.
Das Wetter war prima an jenem Sonntag, eine ideale Temperatur
von 19 Grad, babydeckenblauer Himmel, ein Windchen, fröhlicher
Sonnenschein luden zu einer Radtour ins außerhamburgische
Umland. Ich entschied mich für Lüneburg, eine
Stadt, deren PR-Leute immer wieder gerne die Bedeutung Lüneburgs
für den Salzhandel betonen, als könne dies irgendjemanden
beeindrucken, der das Pfund Meersalz mit extra viel Jod
für 59 Pfennig im Supermarkt kaufen kann. Hieße
Lüneburg die bedeutendste MP3-Player-Handelsmetropole
Norddeutschlands, die Leute würden Unterkiefer herunterklappen
zum Zeichen ihres ehrfürchtigen Erstaunens ob Lünburgs
Rolle als clevere und erfolgreiche Handelsmetropole.
Ich wählte die Strecke über Wandsbek, fuhr über
die Hellbrookstraße bis zum Wandsbeker Markt, bemerkte
dort, dass ich zwar die ADAC-Freizeitkarte "Lüneburger
Heide", nicht aber die Hamburger Stadtkarte eingesteckt
hatte. Die ADAC-Karte hatte ich am Vortag gekauft, in ihr
war kein einziger Straßenname angegeben; ein Büchlein
war eingeheftet, in dem Schlösser der Umgebung beschrieben
wurden; den Weg dorthin hatten sich die Autoren gespart,
lieber ein paar Bilder hineingepfropft. Ich entschied mich
für eine Bundesstraße, die laut Karte genau nach
Lüneburg führte; tatsächlich führte
sie in eine scheussliche Wohngegend, dann in eine scheussliche
Industriegegend, dann nach Billstedt, einem Stadtteil, der
so aussieht, als diene er als Modell für einen typischen
Ort des post-apokalyptischen Zeitalters. Wer über die
Betonburgen von Wilhelmsburg schimpft, sollte nach Billstedt
fahren: Hier hat sich dumpfe Armen-Provinz mit vorstädtischem
Kleinkriminellenplebejismus vermählt, es riecht nach
Auto-Abgasen, Hunde-Kot und Currywurst. Ich muss bemerken,
dass ich nicht in einem der schicken linksalsterischen Designer-
und Werbeleute-Stadtteile wohne, ich wohne im braven, biederen
und durchschnittlichen Barmbek, Schnöseltum ist mir
fremd, vergnügt beobachte ich wollbemützte Knittertürken
beim Gemüsesortieren und schlabberhosene Jungmänner
beim Skateboard-Rodeo. Die Bewohner von Billstedt zeigen
keine Lebensfreude, sie schlendern missmutig durch ihren
hässlichen Stadtteil - und das bei besagt strahlendem
Frühherbstwetter. Wie müssen sie schauen, wenn
es regnet? Etwa jeder zweite Billstedter hielt ein Telefon
an sein Ohr und sprach hinein, dabei hielt er sich möglichst
nah an einer großen Kreuzung auf, damit der Vekehrslärm
ein ungestörtes Geplauder unmöglich machte. Neben
einem schwarzen Lieferwagen mit getönten Scheiben und
dem Aufkleber "Pit Bull Germany" hielt ich an,
um einen Schluck Wasser aus der mitgebrachten Mineralwasserflasche
zu trinken, eine ältliche Frau mit einem zotteligen,
schafgroßen Köter schaute mir mit zusammengekniffenen
Augen dabei zu. Dann spuckte sie aus, verfehlte meinen Fuß
nur um Armesbreite. Ich war froh, hätte sie den wölfern
aussehenden Hund eingesetzt, um ihre Verachtung für
mich Fremden auszudrücken, ich hätte feststellen
müssen, dass es unterhalb der Straßen von Billstedt
keine Radieschen zum Betrachten gibt. Gegenüber von
Ingrid's Imbiss, neben dem Taek-Won-Do-Kampfzentrum, standen
Jugendliche nebeneinander und redeten in die üblichen
Geräte, ich schnappte Gesprächsfetzen beim Vorbeifahren
auf: "Ey, Alter, ey! Kannssu nich machen, Alter."
Als ihr eigenes Klischee waren die Leute prima, als Anstifter
zur Menschenliebe miserabel: Als ich einige Meter weiter
anhielt, um vor einer roten Ampel zu warten, sah ich einen
der Jungmänner einem vorbeigehenden Mädchen ins
Gesicht schlagen, so dass ihr die Zigarrette aus dem Mund
flutschte.
Weiter ging es, über Straßen, die von reifenquietschenden,
beheckspoilerten Wagen berast wurden, der Fahrtwind der
fünf Zentimeter neben mir vorbeipreschenden Gefährte
gab mir stets einen Schub. An einem "Auto Center"
standen dickbäuchige Gestalten mit Handy-Halter am
Hosenbund herum und schauten auf Autos, Frauen standen abseits
und rauchten, während sie ihre tragbaren Telefone miteinander
verglichen. An der Fassade eines leer stehenden Ladenlokals
konnte ich den Schriftzug der Leuchtreklame erkennen, die
dort einst, im 20. Jahrhundert, Menschen zum Sich-Amüsieren
lud: Disco 2000. Pulp wurde dort gewiss nicht gespielt,
über Andreas Doraus "Das Telefon sagt du"
oder Blondies "Hanging on the Telephone" hätte
die Insassen gewiss nicht lachen mögen. Gegenüber,
vor der Spielhölle namens, genau!, Las Vegas, standen
bullige Burschen mit ausrasierten Schädeln, Ohrringen
und kleinen, frivol gekleideten Frauen mit rosa- oder goldfarbenen
Handtäschen, die vermutlich ein Telefon und mehrere
Kondome enthielten. Die Burschen blicken finster, sie redeten
nicht, sie taten nichts, außer: Finster gucken. Ich
fuhr weiter, geriet in ein Gewerbegebiet, fuhr unter Autobahnbrücken
hindurch, befand mich irgendwann in Schleswig-Holstein.
Aber Lüneburg ist doch in ... Die ADAC-Karte lotste
mich nach Glinde, einem langweiligen Ort, nahe dem schönen
Schloss-Örtchen Reinbek, dass ich aufsuchte, da es
zu dämmern begann. Nach einem Aufenthalt in der Verlags-,
Villen-, Tierpark- und Schlossstadt Reinbek fuhr ich zurück,
über die schlechtesten Radwege Deutschlands, durch
Billstedt, in dem miesmutig dreinblickende Gestalten durchs
Dunkel wankten, einige telefonierend. Die Stadt Hamburg
scheint eine Menge Geld dafür auszugeben, die Straßendichte
zu erhöhen, denn im Gegensatz zu zweitrangingen Großstädchen
wie Bremen oder Bonn ist außer hässlichen Häusern
und stark befahrenen Straßen wenig zu sehen in dieser
Stadt. Für Radwege wurde gewiss nicht mehr ausgegeben
als die die Bewohner des Stadtteils Billstedt für Pulp-CDs
oder Radfahrstraßenkarten ausgegeben haben. Sie hören
abrupt auf, sie sind schief, krumm, viel zu eng und nachts
unbeleuchtet. Und das trotz jahrhundertelanger Beteiligung
der Grünen an der Stadtregierung. Was wird die neue
Regierung mit den Radwegen machen? Abreißen? Minen
einpflanzen? Mobiltelefonschneisen einrichten? Die Billstedter
würden sich freuen.

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